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Antisemitische SchlägerInnen unmöglich machen!

Am Sonntag, den 25.10.2009, verhinderten Antisemitinnen und Antisemiten gewaltsam eine vom Hamburger Programmkino b-movie und der Gruppe Kritikmaximierung geplante Vorführung von Claude Lanzmanns Film »Warum Israel«.

Mitglieder des »Internationalen Zentrums« B5, der Gruppe »Sozialistische Linke« (SoL) und der »Tierrechtsaktion Nord« (TAN), die sich mit Mundschutz und Quarzsandhandschuhen auf eine körperliche Auseinandersetzung vorbereitet hatten, verweigerten den Gästen den Zugang ins Kino. Besucherinnen und Besucher wurden dabei gezielt ins Gesicht geschlagen und als »Schwuchteln« und »Judenschweine« beschimpft. Auch in den Tagen darauf wurden Gäste, die von Blockadebeteiligten auf der Straße wiedererkannt wurden, bedroht und, in mindestens einem Fall, auch tätlich angegriffen.

In einer offiziellen Stellungnahme rechtfertigte die B5 die Gewaltausbrüche inhaltlich und tat sie als »kleinere Rangeleien« ab. Diese Erklärung strotzt abermals vor antisemitischen Klischees: So wird etwa der »Zionismus« als »rassistisches Projekt« bezeichnet, mittels dessen »künstlich der jüdische Charakter gewahrt werden« solle. Denn als künstlich gilt der antisemitischen Denkweise immer das jüdische, als natürlich aber alle anderen Völker.

Wir halten es für unerträglich,

* dass ein Kino sein Programm vom Wohlwollen einer benachbarten Aktion Saubere Leinwand abhängig machen soll;
* dass Linke sich als antisemitischer Kampftrupp formieren, um missliebige Veranstaltungen zu Israel zu unterbinden;
* dass ein Film von Claude Lanzmann, französischer Jude, Résistancekämpfer und Regisseur von »Shoah«, der bedeutendsten Dokumentation über die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, in Deutschland zum Angriffsziel einer militanten Blockade werden kann.

»Warum Israel« (1973) zeigt nicht bloß die verschiedenen Facetten der israelischen Gesellschaft. Es geht darin, aus der Perspektive eines Diasporajuden, um die Bedeutung des jüdischen Staates als Konsequenz aus der Shoah. Wer, wie die B5, die Vorführung eines solchen Films als »Provokation« versteht, der nur mit Gewalt beizukommen sei, steht auf der Seite der Barbarei.

Dieses Spektrum ist seit Jahren dafür bekannt, seinen Antisemitismus gewaltförmig auszuleben. Es sind die gleichen, die sich 2002 mit Gewalt Zutritt zum Freien Sender Kombinat (FSK) verschafften und dort einen Kritiker ihres Israelhasses fachmännisch zusammenschlugen; die auf einer antifaschistischen Demonstration im Januar 2004 die Trägerinnen und Träger eines Transparents »Deutschland denken heißt Auschwitz denken« von der Kundgebung prügelten; die seither bei zahlreichen Gelegenheiten Menschen, die Israelfahnen oder -buttons trugen oder aus anderen Gründen nicht in ihr Weltbild passten, bedroht, geschlagen oder mit Flaschen und Steinen beworfen haben.

Was es diesen Gruppen um die B5 bislang stets erlaubt hat, ihre Übergriffe weiter fortzusetzen, ist die Tatsache, dass sie von der Mehrheit der Linken und Alternativen entschlossene Gegenwehr nicht zu fürchten hatten. Kaum jemand der Linken steht ausdrücklich auf ihrer Seite; aber allzu viele waren dennoch bereit, ihnen ihr Plätzchen im Bündnis, auf dem Stadtteilfest oder sonst wo in der Szene freizuhalten.

Weil wir wissen, dass es ebenso verantwortungslos wie gemeingefährlich wäre, Antisemitinnen und Antisemiten gewähren zu lassen; weil wir wissen, dass die Schlägerinnen und Schläger mit jedem Erfolg nur stärker werden – daher halten wir es für unabdingbar, dass am 13.12., bei der Neuansetzung von »Warum Israel« im b-movie, der Film auf jeden Fall gezeigt wird.

Um die Angreiferinnen und Angreifer vom 25.10. politisch zu isolieren und eine Wiederholung ihres antisemitischen Gewaltspektakels zu verunmöglichen, rufen wir für diesen Tag zu einer Demonstration zum b-movie auf.

Auftaktkundgebung: 13.30 vor der Roten Flora
Abschlusskundgebung: 15.00 vor dem B-Movie

Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten

8. Mai – Gedenken

8.Mai – Game over Krauts

Notwendige Klarstellung!

Am 19. 3. meldeten Zeitungen in Kiel und Neumünster, dass auf ein in Neumünster liegendes Wohnhaus ein „Brandanschlag“ durchgeführt worden sei. Nun prüfe das Landeskriminalamt, ob ein politischer Hintergrund vorläge.

Offensichtlich hat es im Wohnhaus eines bekannten Neumünsteraner Naziaktivisten, der noch bei seinen Eltern lebt, gebrannt. Ein Fenster sei eingeworfen, danach ein Gegenstand hineingeworfen worden. Eine brennende Masse habe den Fußboden und einen Schrank in Brand gesetzt. Ein Hausbewohner habe den Brand gelöscht.

Als antifaschistische Gruppen und AktivistInnen lehnen wir Brandanschläge auf Wohnhäuser ab. Sie gefährden das Leben von HausbewohnerInnen und sind nicht kontrollierbar.
Für uns kommt diese Aktionsform daher nicht in Frage.

AAZ Kiel,
Marlene Hates Germany Kiel (http://marlenehatesgermany.blogsport.de),
Avanti – Projekt undogmatische Linke (www.avanti-projekt.de),
Antifaschistische Einzelpersonen aus Kiel

Bustickets für Fahrt nach Dresden am 14.02.09

Die Tickets für die Busfahrt aus Kiel nach Dresden zu antifaschistischen Aktionen am 14.02.09 sind da!

Der Verkauf findet im LiLa (Libertärer Laden, Iltisstr. 34, 24143 Kiel-Gaarden) statt.

Öffnungszeiten:
Dienstag 15h – 18h30
Donnerstag 15h – 19h

Kosten:
35 € normal
40 € Soli

Infos zu Dresden:
http://venceremos.antifa.net/13februar/2009/index.htm
http://dresden1302.noblogs.org/
http://dresden09.wordpress.com/

Redebeitrag zum 70. Jahrestag der deutschen Novemberpogrome

…DEUTSCHLAND GIBT ES IMMER NOCH!
Redebeitrag der Gruppe “marlene hates germany” zum 70. Jahrestag der deutschen Novemberpogrome

Am 9. November 2008 jährt sich zum 70. Mal jene Nacht, die in der deutschen Mehrheitsgesellschaft noch immer unter der verharmlosenden Bezeichnung “Reichskristallnacht” geführt wird.

In den Novemberpogromen des Jahres 1938 wurden mindestens 1300 jüdische Menschen ermordet bzw. in den Selbstmord getrieben, mindestens 1400 Synagogen und unzählige von Jüdinnen und Juden betriebene Geschäfte wurden stark beschädigt oder ganz zerstört. Am 10. November wurden 30.000 Juden in Konzentrationslager deportiert.
Diese Pogrome stellten den Lackmustest der NS-Führung dar, anhand dessen die Bereitschaft der Deutschen, die physische Ausrottung der Jüdinnen und Juden Europas durchzuführen abgeprüft werden sollte. Das Ergebnis war eindeutig.
Der Krieg gegen die europäischen Jüdinnen und Juden, der mit unverminderter Energie auch dann noch weitergeführt wurde, als die Deutschen bereits auf allen Schlachtfeldern besiegt waren, wurde schlussendlich gewonnen. Das jüdische Leben in Europa ist bis zum heutigen Tag praktisch vernichtet. Ein Erfolg, den die Deutschen -aller ach so bitteren Opfererfahrungen zum Trotz- nicht vergessen haben. In der Vernichtung der zur Gegenrasse konstruierten Jüdinnen und Juden versicherte sich die rassisch-deutsche Volksgemeinschaft ihrer Identität.
Mit der Restauration deutscher Staatlichkeit 1948/9 und noch stärker 1989 stellte sich erneut die Identitätsfrage – natürlich in absolut reflektierter, geläuterter Art und Weise. Die Shoah kann vor diesem Hintergrund als Prisma deutscher Identität verstanden werden. Sie war der vorläufige Höhepunkt der Konstruktion des organischen deutschen Volkes. Die grundsätzlichen Elemente deutscher Identität existieren fort.

Wenn wir hier von deutscher Identität reden, nehmen wir bereits einen Aspekt des oft genannten “deutschen Sonderwegs” vorweg. Es ist klar, dass der “deutsche Sonderweg” mythische Anklänge hat. Nichtsdestotrotz hat die Frage, warum es im deutschen Nationalsozialismus, nicht aber in anderen Faschismen zu den singulären Verbrechen der Shoah kam volle Berechtigung, wenn es gilt, “Nie wieder Auschwitz” sicherzustellen.
Die Betrachtung der Produktion und Reproduktion deutscher Identität, ihre Kontinuität über angebliche historische Brüche hinweg und schlussendlich ihre Transformation durch das Prisma der Shoah ist für ein Verständnis des deutschen Projekts unbedingt nötig.

Wir sind uns darüber im klaren, dass jedes Individuum diverse (auch sich widersprechende) Identitäten in sich vereint. Dies steht der Frage nach kollektiver Identität und ihrer Wirkung aber nicht entgegen.
Zentral für die Konstruktion von Identität ist die Vorstellung eines Innen, das allerdings nur in Abgrenzung gegen ein Außen. Kollektive Identität ist also per se ausgrenzend und abzulehnen. Praktisch gilt es Identitäten anhand ihrer Durchlässigkeit zu bewerten, also anhand der Möglichkeit von Außen nach Innen zu gelangen.

Die Konstruktion deutscher Identität war geprägt von dem Versuch, sich vor dem Hintergrund einer verspäteten Nationalstaatsgründung als essentialistische Nation zu erfinden, die überzeitlich existierte und lediglich einer Ausformulierung bedurfte. Daher galt es ein organisches deutsches Volk zu konstruieren, auf dem die Nation wachsen konnte. Dies geschah zum einen durch die Konstruktion des “inneren Feindes”, der Jüdinnen und Juden zur Gegenrasse. Zum anderen gegen den “äußeren Feind”, den bürgerlich-liberalen Staat Frankreich, der nicht umsonst den Ehrentitel “Erbfeind” erhielt.
Die deutsche Identität konstituierte sich somit von Anbeginn völkisch-rassisch und autoritär. Antisemitismus und der Hass auf bürgerliche Staaten und die ihnen zugehörigen bürgerlichen Freiheiten dienten als Mechanismen.

In den später als sogenannte Befreiungskriege rezpierten Kriegen gegen Napoleon Bonarparte entstand unter Einfluss bekannter völkischer Vordenker und Antisemiten wie Ernst Moritz Arndt, Johann Gottlieb Fichte und “Turnvadder Jahn” ein neues deutsches Nationalgefühl, dass auf einem essentialistischen -organisch-völkischen- Nationenbegriff fußte. Seine Stoßrichtung zeigte sich bereits auf dem Wartburgfest der jungen Bewegung 1817 im Verbrennen von Büchern jüdischer AutorInnen sowie des französischen Code Civile – des ersten bürgerlichen Gesetzbuchs, eines Symbols der Aufklärung. Trotz aller Rückschläge durch die Restauration feudaler Strukturen war die grundsätzliche Ausrichtung der deutschen Nationalstaatsbewegung gegeben. Auch das als “Wiege der deutschen Demokratie” gefeierte “Hambacher Fest” 1830 war in seiner Ausrichtung autoritär-völkisch. Es verwundert nicht, dass die anachronistische sog. Revolution sich nicht -wie in den bürgerlichen Revolutionen in Frankreich und den USA- auf die Schaffung eines bürgerlichen Staates richtete, sondern vielmehr auf die Errichtung eines autoritären-völkischen Staats. Mit der Nichtverfügbarkeit eines Potentaten brach die Revolution zusammen – womit wohl alles gesagt wäre.
Der Misserfolg der autoritären Revolution führte zu einer Vertiefung deutscher Identitätskomplexe, deren gewalttätiges Ausleben nach Außen in den sog. Einigungskriegen gegen Dänemark, Österreich und den bürgerlichen Staat in Europa, Frankreich, schlussendlich zur Schaffung eines deutschen Staates führte. Die Form war nicht überraschend, aber doch interessant: Der deutsche Staat wurde durch die Krönung eines gesamtdeutschen Kaisers geschaffen. Symbolisch steht der Krönungsakt im Spiegelsaal von Versailles. In Anbetung der absoluten Monarchie, also der Antimoderne, entstand der deutsche Nationalstaat.

Die Identität des organischen Volkes ohne Staat (auch wenn es nun Volk mit Staat war) wirkte in der strengen Klassengesellschaft des Kaiserreichs als Kitt, der Bourgeoisie und Proletariat stärker noch als die sozialreformerische Camouflage Bismarcks miteinander verband. Es existieren diverse Darstellungen dieses Komplexes – die schönste sicherlich in Heinrich Manns Untertan.
Die deutsche Identität war stark genug, als dass auch die -zumindest teilweise sozialdemokratisch geprägte- ArbeiterInnenklasse begeistert in schwarz-weiß-rot für das deutsche Vaterland in den 1. Weltkrieg zog – und dort ein enormes Durchhaltevermögen zeigte.
Das Ende des Kaiserreichs gilt es auch in diesem Kontext zu sehen. Die Revolution des Jahres 1918 war von diversen, politisch widersprüchlichen Kräften getragen, die sich -aufgrund eines zu hohen Leidensdrucks- unter dem Slogan “Frieden und Brot” temporär vereinten. Die Masse dieser sog. “Revolutionäre” verfolgte weniger sozialrevolutionäre denn vielmehr sozialreformerische Ziele. Eine Infragestellung des deutschen Projekts oder ein Aufbrechen deutscher Identität unterblieb. Es kam daher nicht zu einem Abbruch deutscher Identität, sondern zur Mutation des autoritären in den sozialreformerischen Volksstaat. Ein positiver Bezug auf jene wenigen, die eine antinationale Revolution wollten ist möglich – ein Abfeiern einer grandiosen Revolution ist uns nicht möglich. Schließlich war es auch die Masse der sog. “RevolutionärInnen”, die nur wenige Jahre später in der “klassenlosen Volksgemeinschaft” aufging und nicht einmal in der Shoah einen Anlass sah, ihren revolutionären Anspruch in die Praxis umzusetzen. Eine tiefere Analyse dieses Aspektes hat einem jeden positiven Bezug, erst recht einem Abfeiern des “revolutionären 1918” vorauszugehen.

Die Weimarer Republik war -wie vielfach dargestellt- geprägt von den Kontinuitäten der Geisteshaltungen des Kaiserreichs. Hiervon zeugt z.B. die Wahl Paul von Hindenburgs -der ein Symbol des Kaiserreichs war- zum Reichspräsidenten. Auch die Diskreditierung des Versailler Vertrags, dessen Berechtigung wohl nicht zur Debatte steht, diente den Deutschen zur Reproduktion des nationalen (Opfer)Kollektivs über politische Grenzen hinweg. Die grundsätzlichen Momente deutscher Identität fanden sich folgerichtig in unterschiedlichen Formen und Farben in allen politischen und gesellschaftlichen Lagern. So richtete sich z.B. -ohne eine grundsätzliche Gleichsetzung vornehmen zu wollen- der Antisemitismus der KPD auf die Beseitigung der jüdischen Ausbeuter, wogegen die NSDAP alle Jüdinnen und Juden physisch zu vernichten trachtete.

Vor diesem Hintergrund war der problemlose Übergang zur “klassenlosen Volksgemeinschaft” des Nationalsozialismus -die ja auf den Elementen deutscher Identität basierte- nur folgerichtig. Auch die Mehrheit des angeblich revolutionären Subjekts der ArbeiterInnenkaste wählte die NSDAP. Die “klassenlose Volksgemeinschaft” begann, sich in Prozessen des “Identitybuilding”, die mit dem Boykott jüdischer Geschäfte und der sog. “Nürnberger Gesetze” eingeleitet wurden, sich ihrer kollektiven Identität zu versichern. Sie gipfelte im Prisma der Shoah.

Die vielbeschworene “Stunde Null” der Deutschen nach der militärischen Niederlage 1945 kann nur als Mythos aufgefasst werden, der den Deutschen zur Negierung der eigenen Täterschaft dient(e). Der “Neuanfang” war geprägt von Kontinuitäten, was nicht verwundert, da das TäterInnenkollektiv physisch fortbestand. Unter dem unmittelbaren Zwang der Befreier änderte sich nicht die Geisteshaltung, es kam lediglich zu einer Veränderung der Form der Meinungsäußerung. Es fehlte lediglich an der Möglichkeit der Ausformulierung deutscher Identität. Das führte zu einer Transformation der Identität für die nachfolgende(n) Generation(en). Die Elemente deutscher Identität veränderten nur ihr Äußeres – sie verschwanden nicht.

Auch die 68er-”Bewegung”, die mit dem Anspruch, das Handeln der Eltern- bzw. TäterInnen-Generation in Frage zu stellen antrat, war in der deutschen Identität verwurzelt. Der positive Bezug auf einen organischen Volksbegriff, der sich nicht nur in der Solidarität mit “unterdrückten Völkern”, sondern auch in der Ablehnung bürgerlicher Staaten zeigte. Es dauerte nicht lange, bis in den Vereinigten Staaten -die als Besatzer, nicht als Befreier rezipiert wurden- der ideologische Hauptfeind erkannt war. Auch die Glorifizierung des deutschen Arbeitsbegriffs, die sich in vielen der sog. K-Gruppen fortsetzte, ist als Element deutscher Identität zu verstehen. Sekundärer Antisemitismus in der Form des Konstrukts “Antizionismus” war in der Bewegung ebenfalls weit verbreitet und lässt sich nicht auf die Solidarität mit dem angeblich unterdrückten “Volk” der Palästinenser reduzieren, sondern bezog sich auch damals auf die Negierung deutscher Kollektivschuld. Die Sichtweise, dass für eine revolutionäre Perspektive ein Wegfall des Schuldkomplexes vonnöten sei, ist die Verlängerung dieser Gedankengänge.

Mit dem Ende der DDR und der Aufgabe von Besatzungsrechten durch die Befreier wurde der Zwang der erneuten Ausformulierung deutscher Identität in möglichst aufgeklärter Form aktuell – galt es doch das Misstrauen europäischer Nachbarn wie auch der Gier der Deutschen nach einem Gesamt-Deutschsein jenseits ihrer Kollektivschuld zu bedienen. Die Renaissance transformierter deutschen Identität war nur folgerichtig.

Die Ablehnung bürgerlicher Staaten z.B. im Antiamerikanismus der sog. Friedensbewegung und autoritär-völkische Weltbilder sind – diversen, auch bürgerlichen Studien entnehmbar- in einer breiten Masse verbreitet und reichen auch in weite Teile der Linken.

Sekundärer Antisemitismus in Deutschland existiert nicht trotz, sondern wegen der Shoah. Das berühmte Zitat von Zvi Rex “Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen” bezieht sich auf diesen Aspekt. Das Einzige, was einer offenen Ausformulierung deutscher Identität noch entgegensteht, ist die historische Kollektivschuld. Die Diskreditierung der Politik Israels z.B. durch Gleichsetzung mit dem Nationalsozialismus und der Versuch, ein -nicht-existentes- jüdisches Volk zum TäterInnenkollektiv zu stilisieren, dienen einzig der Relativierung deutscher Schuld. Mit dem Verschwinden der Opfer, die als einzige nach wie vor auf die TäterInnen zeigen, soll auch das TäterInnenkollektiv verschwinden. Es soll in der absolut geläuterten, schuldfreien deutschen Gesellschaft aufgehen, die dann zwar etwas geschichtslos, dafür aber ohne Ballast an ihrern identitären Komplexen laborieren darf.

Auch Völkischer Antikapitalismus von rechts bis links bedient antisemitische Ressentiments, wenn z.B. das von den Nationalsozialisten entlehnte Konstrukt des schaffenden und raffenden Kapitals verwendet bzw. impliziert wird oder das Geschehen auf Finanzmärkten verschwörungstheoretisch aufgeladen wird.

Der Hauptfeind eines sich ernstnehmenden Antifaschismus ist und bleibt Deutschland! Der Angriff auf das fortbestehende TäterInnenkollektiv mit dem Ziel der endgültigen Demontage ist die Vorraussetzung einer weiteren Emanzipation. Eine Loslösung der Deutschen von den konstitutiven Elementen ihrer kollektiven Identität käme einer Loslösung vom Deutschsein gleich.

Konstrukten wie Volk und Nation ist eine klare Absage zu erteilen. Das bedeutet, auch linksvölkische Positionen anzugreifen und aus dem antifaschistischen Grundkonsens auszuschließen. Hierunter fallen vor allem jene Positionen, die einen positiven Bezug auf einen organischen Volksbegriff herstellen.

Wir sind uns der Dialektik des bürgerlichen Staates bewußt. Nichtsdestotrotz setzen die bürgerlichen Staaten emanzipatorische Mindeststandards, hinter die eine Linke niemals zurückfallen darf. Es gilt im Zweifelsfall, den bürgerlichen Staat gegen all jene, die den Rückfall in die Barbarei anstreben zu verteidigen, da nur dieser die Basis für eine weitere Emanzipation darzustellen vermag.

Schlussendlich kann die Überwindung der herrschenden Verhältnisse nur auf die größtmögliche individuelle Freiheit aller Menschen abzielen.

Für den Kommunismus!

marlene hates germany, November 2008

Gedenkkundgebung Kiel 11.11.2008

Noone Forgotten – Nothing Forgiven

Gedenken an alle Opfer des Faschismus





Als in den Tagen zwischen dem 7. und 13. November 1938 in Deutschland 400 jüdische Menschen ermordet oder in den Tod getrieben, 30.000 Juden in Konzentrationslager gesperrt und fast alle Synagogen in Deutschland und Österreich niedergebrannt wurden, war dies nur die Probe aufs Exempel für die systematische und massenhafte Ermordung europäischer Juden und Jüdinnen durch Deutsche. In den 
Novemberpogromen zeigte sich, dass die Deutschen nicht nur stillschweigend der physischen Auslöschung jüdischen Lebens zusahen, sondern selbst bereit waren ihren antisemitischen Vernichtungswillen freien Lauf zu lassen, der in der systematischen Ermordung von 6 Millionen europäischer Juden und Jüdinnen gipfelte.

Heute sehen wir in Europa eine erneute Tendenz zu Nationalismus und 
Rechtsradikalismus. In Ländern wie Russland rufen Nationalist_innen zum „Rassenkrieg“ auf und bedrohen Tag für Tag das Leben von Migrant_innen, Juden und Jüdinnen und politischen Gegner_innen. Die Zahl der Morde mit rassistischen bzw. antisemitischen Hintergrund stieg von mindestens 47 im Jahr 2005 auf mindestens 72 im letzten Jahr. 2008 fielen bereits 33 Menschen der faschistischen Gewalt in Russland 
zum Opfer. Die meisten Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund werden in Russland jedoch kaum als solche dargestellt, sie werden von den Polizeibehörden vertuscht oder entpolitisiert bzw. unter „Rowdytum“ abgetan.

In Polen hingegen findet der Rechtsextremismus durch den Traditionalismus und die Verankerung des Katholizismus in der Bevölkerung seinen Nährboden. So kann die „Liga 
der polnischen Familien“(LPR) zusammen mit ihrer Jugendorganisation „Allpolnische Jugend“ (Mlodziez Wszechpolska) und dem katholischen Thorner Radiosender „Radio Maryja“(Radio Maria) jährlich zur Störung der Warschauer „Gay-Pride-Parade“ aufrufen. Die gesellschaftliche Mehrheit ist auch in Polen nicht gewillt sich gegen Rechtsextremismus zu stellen und so ist es der polnischen Nazi-Szene möglich sich 
ungehindert zu entfalten, wobei sie ihren Rekrutierungsschwerpunkt auf die Stadien der polnischen Fußballclubs setzt. So besteht der harte Kern der militanten Rechten in Polen aus Hooligans. Ihr sind seit 1989 mindestens 30 Menschen zum Opfer gefallen.

Diese Tendenzen zeichnen sich auch in Deutschland ab, wo eine immer stärkere und selbstbewusstere Nazi-Szene agiert, die mit Themen wie „Todesstrafe für Kinderschänder“ wie jüngst in Dresden oder der Beteiligung an Bürgerinitiativen gegen Moscheebauten immer wieder ihre Verschränkung mit der bürgerliche Mitte demonstriert. Dabei steigerte sich in den letzten Jahren die Gewalt der neonazistischen 
Bewegung. Es kommt statistisch zweimal am Tag zu rechten Übergriffen und seit dem Jahr 1990 sind mindestens 133 Menschen von Neofaschist_innen ermordet worden.

Betrachten wir das Phantasma des Antisemitismus, muss man/frau die Situation in Frankreich berücksichtigen. Hier sind es muslimische Jugendliche die „Jagd“ auf Juden und Jüdinnen machen, Synagogen und jüdische Schulen anzünden. Sie reproduzieren den latenten Hass einer islamischen Wertgemeinde auf Israel in den Radius ihres eigenen Lebens.


Dass verschiedene gesellschaftliche Rahmenbedingungen Faschismus produzieren können, ist eine historische Tatsache (Italien, Spanien, Portugal, Lateinamerika etc.) und gleichzeitig besteht kein Zweifel an der Singularität des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen. In Deutschland hat durch die Transformation der grundlegenden Elemente 
deutscher Identität in die postfaschistische Gesellschaft das Täter_innenkollektiv fortbestanden und besteht bis heute fort. Der Zusammenbruch des Ostblocks und somit die Überwindung eines Zwangsinternationalismus der Sowjetideologie macht eine 
Neubestimmung der osteuropäischen Identitäten durch nationale Kollektive, die mal mehr, mal weniger völkisch bestimmt sind, möglich. In Deutschland wurde durch die so genannte „Wiedervereinigung“ die Voraussetzung einer erneuten Ausformulierung der alten nationalen Identität geschaffen. Dass sich im Fahrwasser der neuen europäischen 
Nationalismen alsbald Faschismus finden würde, war so abzusehen, gibt es doch nur einen graduellen, keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Nationalist_innen und ausgewiesenen Faschist_innen. 


Auch wenn die Aufhebung des Widerspruchs von Kapital und Arbeit in der Volksgemeinschaft und die Verlängerung des pseudo-antikapitalistischen Ressentiments zum Massenmord an den Juden und Jüdinnen jeder kapitalistischen Gesellschaft 
innewohnt, in Deutschland ist sie Realität geworden. Die deutsche Nation konstituierte sich von jeher autoritär gegen Aufklärung und Liberalismus. Im deutschen Antisemitismus, also der Konstruktion der Juden und Jüdinnen als zu vernichtende „Gegenrasse“, fand das deutsche Kollektiv eine völkisch-rassische Legitimation und den 
Kitt für die Volksgemeinschaft. Doch ist es auch Fakt, dass das, was „deutsch“ ist am deutschen Sonderweg, sich auch 
exportieren lässt. Deutschland gerät so zum allgemeinen Äquivalent der völkischen Nation. Also muss die Verwirklichung der praktischen Emanzipation von Ausbeutung und Herrschaft auf die endgültige Demontage Deutschlands abzielen. Ob sich der deutsche Sonderweg zum Mainstream entwickelt, wird sich zeigen. Es existiert eine fortbestehende Bedrohung durch verschiedene Faschismen und eine 
Öffentlichkeit, die erneut desinteressiert bis wohlwollend zusieht. Diese Entwicklung forderte und fordert weiter täglich Opfer, deshalb gedenken wir aller Opfer des Faschismus. Uns ist nicht an Held_innenverehrung gelegen. Stattdessen verlangen wir eine politische Erinnerungskultur, die – im Bewusstsein deutscher Identitäten und deutscher Verbrechen – das Aufbrechen des deutschen Täter_innenkollektivs zum Ziel hat. 



“…dass Auschwitz nicht sich wiederhole!“ 



Antifaschistische Kundgebung im Gedenken an alle Opfer des Faschismus. 
11. November, 16:30, Asmus-Bremer-Platz