Aus

Die Gruppe marlenehatesgermany hat sich zum Jahresende 2010 aufgelöst.

Bremen 02.10.: Kein Tag für die Nation – Kein Tag für Deutschland

Gemeinsame Anreise aus Kiel mit dem Zug zur bundesweiten Demonstration gegen die Einheitsfeierlichkeiten am 2. Oktober um 16:30 in Bremen

Treffen 12:00 Kiel Hauptbahnhof, Abfahrt 12:21

Infos: You say Deutschland – We say: die!

Veranstaltung zu den Einheitsfeierlichkeiten am 3. Oktober in Bremen

Info- und Mobilisierungsveranstaltung
am Donnerstag, 23.09., um 20 Uhr,
im Li(e)ber Anders, Iltisstr. 34, Kiel-Gaarden

Die ReferentInnen kommen vom Bündnis gegen den 3. Oktober in Bremen.

Kurzaufruf:
Am dritten Oktober 2010 jährt sich zum zwanzigsten Mal die „Wiedervereinigung“ Deutschlands. Vom 2.-3. Oktober finden in Bremen die offiziellen Feierlichkeiten unter dem Motto „20 Jahre deutsche Einheit“ statt. Aufgeboten wird eine Melange aus Nena, dem Bundespräsidenten und deutschen Wurstbuden. Es soll ein deutsch-nationales Party-Event werden, bei dem die deutsche Nation als historisch gewachsene Einheit und der Kapitalismus als wohlstandsbringende Ordnung präsentiert werden. Die Ursache der Teilung, der Nationalsozialismus, bleibt unerwähnt und die Geschichte wird umgedeutet, sodass das vereinte Deutschland wieder ein Anrecht auf Vormachtstellung in der Staatenkonkurrenz erhält.
Was am 3. Oktober gefeiert wird, ist die Freiheit, das eigene Leben in Konkurrenz und (Lohn-)Arbeit verbringen zu dürfen und einer Nation anzugehören, die sich ihrer Geschichte nicht schämen muss. Wir werden diesem nationalistischen Event unsere Kritiken an den herrschenden Verhältnissen entgegenstellen. Beteiligt euch an der Demonstration (2. Oktober 2010, Bremen Hbf., 16.30 Uhr) sowie an den verschiedenen Aktionen. Seid kreativ gegen die deutsch-nationalistischen Feierlichkeiten!

Täterschutz kann nicht richtiggestellt werden

Dies ist eine Antwort auf den Text „Richtigstellung zum „offenen Brief“ von marlenehatesgermany an die KIT und Hansa48“ der KIT. Wir waren zunächst fassungslos, dass die KIT die Reaktion in dieser Weise erfolgen lässt, sich in „Tierbefreier_innen vs. Antideutsche“-Identitätskategorien verliert und sich vor allem letztendlich mit der TAN solidarisiert.

Klar ist…

Wir wollen uns eigentlich gar nicht auf die Ebene der KIT begeben und genauestens auf die vielfältigen Vorwürfe gegen unsere Gruppe reagieren. Um Außenstehende zu informieren und Gedankengänge von uns klarer darzustellen, möchten wir trotzdem zunächst auf einige, gewichtige Vorwürfe eingehen, die wir öffentlich so nicht stehen lassen wollen.
Zuerst wäre klarzustellen, dass sowohl wir als auch andere Einzelpersonen aus Kiel an Einzelpersonen der KIT mit der Kritik an die TAN herangetreten sind und wir uns wegen der Nicht-Beachtung der Kritik und der zeitlichen Nähe der geplanten Veranstaltung dazu entschlossen haben, den „Offener Brief an die „Kieler Initiative für Tierbefreiung“ und die „Hansastraße 48“ vom 13.05.2010“ zu veröffentlichen und zwecks Information, neben Mails, diesen auch auszulegen. Es war nie unsere Absicht, die Tierbefreiungstage zu verhindern oder zu diskreditieren oder sonst wie zu sabotieren. Es ging uns allein um die Einladung der TAN, die Täterschutz und innerlinke Gewalt praktiziert, zu einem von insgesamt acht Vorträgen. Auch wenn wir Kritik an dem Text „Well Adjusted People“ haben, würden wir diese nie durch eine Verhinderung/ein Verbot der Veranstaltung zum Ausdruck bringen. Wiederum geht es darum, dass die TAN diesen Vortrag hält, deren Referent_innen den Raum als Täterschützer_innen ausfüllen und somit kein Platz für Thematisierung von Sexismus gegeben ist, weil jegliche (linksradikale) Diskussionsgrundlage dafür fehlt. Und es ist ebenfalls ein ganz anderer Kontext, wenn eine Gruppe wie „Les Madeleines“ eine theoretische Diskussion über Definitionsmacht anstößt oder eine Gruppe wie die TAN inmitten einer Vergewaltigungsdebatte die Definitionsmacht der betroffenen Frau infrage stellt. Weitere haltlose Vorwürfe und falsche Darstellungen zu thematisieren würde diese Seite wohl noch füllen, ist uns aber müßig.
Denn uns geht es vor allem um den Täterschutz und die ablehnende Position zur Definitionsmacht, die die TAN zum absoluten No-Go in linksradikalen Strukturen machen. Um diese zu verdeutlichen, zitieren wir die TAN aus einem Brief an den Schwarzmarkt vom 25.04.2008, der auch im Anhang zu finden ist. Dort ist auf Seite 3 >>„vergewaltigte Frau“< < in Anführungszeichen gesetzt und auf Seite 4 von >>damit ist T. gemeint, dem von Teilen Eurer „Szene“ vorgeworfen wird, er sei ein „Vergewaltiger“<< die Rede, Vergewaltiger wiederum in Anführungszeichen. Das geht deutlich über ein Nicht-Positionieren hinaus und stellt die Vergewaltigung aus der Sicht der Betroffenen infrage.

Zur KIT

Die KIT erkennt laut ihrem Schreiben die Definitionsmacht generell an, doch wenn es gilt, diese konkret zu verteidigen, was in diesem Fall zu tun wäre, reicht es, wie so oft in leidig-geführten, innerlinken Sexismusdebatten, nicht über ein Lippenbekenntnis hinaus. Auch die Solidarisierung mit Täterschützer_innen zeigt, dass bei der KIT zu erwartende, linke Mindeststandards nicht erfüllt sind. Solange die KIT sich nicht glaubhaft von solchen Positionen distanziert, werden wir nicht gemeinsam mit der KIT in linksradikalen Strukturen arbeiten oder vertreten sein. Wir fordern auch andere Gruppen/Projekte/Einzelpersonen auf, ihren Umgang mit der KIT zu finden. Eine Veranstaltung der TAN kann für uns nicht in, zumindest linksradikalem, Rahmen und, darauf bezogen, zu keinem Zeitpunkt stattfinden.

marlenehatesgermany 19.05.2010

Offener Brief an die „Kieler Initiative für Tierbefreiung“ und die „Hansastraße 48“ vom 13.05.2010

Am 22. und 23. Mai finden in dem alternativen Kommunikations- und Kulturzentrum „Hansastraße 48“ die „Tierbefreiungstage“, veranstaltet von der „Kieler Initiative für Tierbefreiung“ (KIT), statt. Im Zuge dessen soll die Gruppe „Tierrechts-Aktion-Nord“ (TAN) aus Hamburg am Sonntag, den 23. Mai, einen Vortrag halten. Die KIT sieht anscheinend, trotz Kenntnis der unten genannten Vorfälle, keinen Handlungsbedarf, die TAN aus dem Veranstaltungsprogramm zu streichen.

Zur TAN

Die TAN fiel in den letzten Jahren nicht nur durch Tierrechtsarbeit auf, sondern auch durch Verhalten, das wir als linksradikale Menschen für absolut untragbar halten.

Im Zusammenhang mit der öffentlichen Erklärung von 2007 „Zum aktuellen Umgang mit einem Vergewaltiger. Sexualisierte Gewalt in linken und subkulturellen Zusammenhängen“ der Unterstützer_innengruppe einer von sexualisierter Gewalt Betroffenen, heftete eine TAN-Aktivistin einen Text mit dem Titel „Anmerkungen zu einer schmutzigen Geschichte und Kritik an dem Ausverkauf des Vergewaltigungsbegriffs“ an diese Erklärung. Dieser Text verbreitete die Täterversion der Vergewaltigung und stellte die Definitionsmacht allgemein und die der Frau infrage, um sie unglaubwürdig darzustellen. Darauf folgend wurde Ende 2007 ein Redebeitrag, der wiederum die Definitionsmacht anzweifelt und den Täter zum Opfer macht, unter verbalem und körperlichem Schutz von u. a. der TAN auf einer Tierrechtssoli-Veranstaltung in der Roten Flora gehalten, obwohl einige Flora-Aktivist_innen im Vorfeld versuchten, den Redebeitrag zu unterbinden. Trotz mehrfacher Aufforderung einiger Gruppen aus Hamburg, positionierte und distanzierte sich die TAN nie direkt zu den Vorwürfen gegen die Gruppe und zu der Verdrehung der Vergewaltigung aus Sicht des Täters. Damit stellt sich die TAN auf die Seite des Täters und betreibt Täterschutz.*

Ende 2009 tat sich die TAN, zusammen mit anderen Zusammenhängen aus dem B5-Spektrum, bei der gewaltsamen Verhinderung des Claude Lanzmanns-Films „Warum Israel“ hervor. Hierbei wurden Kinobesucher_innen verbal und körperlich attackiert, dabei fielen, u. a. antisemitische und sexistische, Äußerungen, die nicht hinnehmbar sind. Aktuell vor rund einem Monat drohte ein TAN-Mitglied einem damals angegriffenen Kinobesucher mit dem Tod, wenn er für sein gewalttätiges Verhalten vor Gericht kommen würde. Verbale und körperliche Angriffe dieser Art können für uns nicht als Kritik verharmlost werden und haben nichts mit einer emanzipatorischen, politischen Praxis zu tun.

Unsere Forderung

Wir fordern, dass die KIT und/oder die Hansa48 sich zum Verhalten der TAN positionieren und die notwendige Konsequenz daraus folgen lassen, die TAN wieder auszuladen. Für eine emanzipatorische Linke kann eine Zusammenarbeit mit solchen Gruppen nicht erfolgen, da der Schutzraum für die Thematisierung von sexualisierter Gewalt und Sexismus nicht mehr gegeben ist, wenn Täterschützer_innen, deren Position zur Definitionsmacht unklar ist, den Raum für sich beanspruchen. Für uns kann es kein Absprechen der Definitionsmacht geben, da diese eine persönliche Wahrnehmung/Grenze von Betroffenen ist, die als solche zu respektieren ist.

marlenehatesgermany

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* Für eine ausführlichere Beschäftigung mit der Rolle der TAN in der Täterschutzdebatte, als oben beschrieben, können die Texte und Schriftwechsel im Schwarzmarkt oder in der „ZECK“, Nr. 140-145, nachgelesen werden.

Redebeitrag zum 65. Jahrestag der militärischen Zerschlagung Hitler-Deutschlands

Heute, am 8. Mai, erinnern wir dem Ende des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen. Mit dem militärischen Sieg gelang es den alliierten Armeen die deutsche Barbarei zu beendigen. Bei kaum einem anderen Datum, wie bei diesem, wird so viel um die geschichtspolitische Bedeutung gerungen. Dabei bewegt sich der Diskurs in erster Linie zwischen dem Begriff der „Befreiung“ und dem der „Niederlage“.

Mindestens seit der Rede des Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker ist der Begriff der „Befreiung“ ein weit in das bürgerliche Lager geläufiges Diktum, welches im Allgemeinen zwei Bedeutungsebenen erschließt: Zum einen wird damit keinesfalls der 8. Mai als „Tag der deutschen Niederlage“ bzw. als „nationaler Trauertag“ abgelöst, sondern die militärische Niederlage Nazideutschlands wird mit der Vertreibung der Deutschen aus dem Osten und dem Beginn der kommunistischen Diktatur(en) in Osteuropa gleichgesetzt. Zum anderen wird eine allgemeine Kollektivschuld der Deutschen abgewehrt, indem man zwischen den eigentlichen Täter_innen des Nationalsozialismus – den Nazis und ihrer Helfer_innen – auf der einen Seite und den vermeintlich unschuldigen Deutschen auf der anderen unterscheidet. Diese Deutung des 8. Mai passt in eine Geschichtsideologie, die nur zu gerne Täter_innen-Opfer-Konstellationen einebnet und die Geschichte zu einem allgemeinen Standortvorteil macht.

Nicht erst seit Jörg Friedrichs „Der Brand“ und den ZDF-Historienschnulzen „Dresden“ und „Die Gustloff“ ist die Debatte um deutsche Opfer im Zweiten Weltkrieg beinahe allgegenwärtig. Seit den 1950er Jahren findet das statt, was Ralph Giordano „die Verwandlung der Opfer deutscher Aggression in Schuldner der Geschichte und der Angehörigen der Täternation in ihre Gläubiger“ nennt. Nicht die Verbrechen während des deutschen Vernichtungskriegs und der Shoah stehen im Mittelpunkt der bundesrepublikanischen Nachkriegsdiskurse, sondern die Aufzählung eigener Verluste, die oft in einer Art Multiplikationswettkampf verdoppelt oder verdreifacht wurden. Erst mit dem Generationenwechsel fand auch der historische Rahmen eine Erwähnung. Dabei ist jedoch immer das gleiche Muster einer Geschichtsklitterung zu beobachten: Die Kausalzusammenhänge werden ausgeklammert. Die Bombardierung deutscher Städte und der Notwendigkeit einer deutschen Niederlage werden nicht im Hintergrund der Organisation der Deutschen in einer bedingungslos-treuen Volksgemeinschaft und dem unbedingten Vernichtungswillen der selbigen gegenüber den europäischen Jüdinnen und Juden gesehen. Die deutsche Geschichte von 1933-1945 wird so zu einer Abfolge von Geschichten bzw. „Geschichtchen“, in denen die JH-Flakhelferin zur Zeitzeugin verharmlost wird und bei Guido Knopp eine Filmsequenz vor der Shoah-Überlebenden ihre „Erlebnisse“ berichten darf. Die Gewalt wird so ahistorisch und kontextunabhängig. Es wird suggeriert, dass es keinen Unterschied zwischen deutschen Opfern und den Opfern der Deutschen geben würde. Damit einhergehend wird die Shoah und der Zweite Weltkrieg nicht etwa zu einem Spezifikum deutscher Geschichte erklärt, sondern es findet eine Veräußerung eigener Schuld statt, eine Europäisierung der Verbrechen.

Geschichtsbilder haben immer etwas konstitutives, nicht erst in ihrer kulturindustriellen Verarbeitung entfalten sie ihre legitimierende Wirkung für das Gegenwärtige. Die Erwähnung nazistischer Verbrechen in öffentlichen Gedenkfeiern muss so immer als Pendant für die scheinbare „geläuterte, bessere Nation“ nach 1945 herhalten und so die vermeintlich moralische Überlegenheit der postnazistischen Gesellschaft sichern. Daraus ergibt sich, dass der 8.Mai schon längst zu einem „Nationalfeiertag“ der Deutschen verkommen ist. In der Forderung einer Begehung desselben als „Tag der Befreiung“ geht die Linke folglich gegen Positionen vor, die es in dieser Form nicht mehr gibt. Sie geht sogar von dem vollkommenen Irrsinn aus, dass es in Deutschland überhaupt etwas zu Feiern gäbe, außer das endgültige Aus für diese Nation. Ein solches fand jedoch am 8.Mai 1945 nicht statt, sondern war zusammen mit der alliierten Reeducation der Ausgangspunkt für alle neuen Weltmachtbestrebungen. So wurde aus der „Niederlage“ eine „Befreiung“ für die Angehörigen der Täter_innennation.

Jedoch ist der 8. Mai auch ein Tag der Befreiung! Und zwar für die Insassen der Konzentrationslager und Gefängnisse, für die Widerständigen in ganz Europa, für die unter der deutschen Okkupation Leidenden und nicht zuletzt für die Kämpfer_innen der alliierten Armeen und die Partisan_innen. Eine deutsche Befreiung gab es an diesem Tag nicht. Deutschland wurde militärisch zerschlagen – und das ist auch gut so. Doch führt uns diese Ambivalenz dazu, statt für ein Feiern des 8. Mais als „Tag der Befreiung“ einzutreten Adornos kategorischen Imperativ, alles Denken und Handel so einzurichten, dass sich Auschwitz nicht wiederhole, ernstzunehmen. Dies bedeutet, die deutsche Geschichte als Denkmal zu nehmen für Barbarei und den Zivilisationsbruch Auschwitz. Sich von dieser Geschichte zu „befreien“ wäre ein erster Schritt zurück in diese Geschichte.

Für den Kommunismus!

8.Mai 2010

Keine Märchen für Deutschland!

Redebeitrag der Gruppe marlene hates germany. Gehalten auf der antifaschistischen Demonstration „You‘ll never walk alone!“ am 13. März 2010.

Links gleich Rechts und Außen gegen Mitte. Nationalsozialismus gleich Antifaschismus.

Nicht erst seit den ideologischen Debatten, im Zuge der schwarz-gelben Regierungsbildung, um Förderungsprogramme gegen „Rechtsextremismus“ und Gewalt geistert der so genannte Extremismus-Begriff durch die deutsche Diskussionslandschaft.

Schon längst hat sich die „Extremismus-Forschung“ als eigenständiger, interdisziplinärer Bereich der Sozialwissenschaften etabliert, die eine vulgarisierte, post-kommunistische Form der Totalitarismus-Theorien des Kalten Krieges darstellt und auf Grund ihrer intellektuellen Einfachheit gerne von der deutschen Politik rezipiert wird. Während die Totalitarismus-Theorie sich mit bestehenden diktatorischen Regimen auseinandersetzte, konstruiert die Extremismus-Formel eine demokratische Mitte der Gesellschaft, die durch Extremist_innen unterschiedlichster Couleur gleichermaßen bedroht sei. Berührungspunkte finden sich vor allem dort, wo die Totalitarismus-Theorie sich mit den jeweiligen totalitären Bewegungen beschäftigt. Hier existiert für keine_n jener vermeintlichen Empiriker_innen eine Überschneidung des jeweiligen Totalitarismus/Extremismus mit einer bürgerlichen Ideologie der Mitte. Völkischer Nationalismus, Antisemitismus und autoritärer Ordnungswahn wurden und werden zu Randphänomenen erklärt; das Ressentiment, das in Auschwitz endete, als fester Bestandteil der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft verneint.

Es wurde unlängst von kritischen Sozialwissenschaftler_innen konstatiert, dass die Totalitarismus-/Extremismus-Theorie nicht mehr als reine Ideologie sei, auch wenn sie sich selbst als Wissenschaft ausgibt. Doch lässt sich mit ihr zum einen eine als positiv interpretierbare deutsche Identität konstruieren und zum anderen jenen, die die Emanzipation forcieren und in ihrer alltäglichen politischen Praxis die postnazistische Gesellschaft kritisieren, eine generelle Unglaubwürdigkeit ausstellen. Gerade letzteres dient den Behörden und der lokalen Politik immer auch dazu antifaschistische Politik zu behindern und zu diffamieren.

Dort wo die deutschen Verbrechen an den europäischen Juden und Jüdinnen in eine Reihe gestellt werden mit anderen Verbrechen diktatorischer Regime – und seien diese noch so verabscheuendswert –, verlieren sie ihre Singularität und gehen unter in einem allgemeinen „Jahrhundert des Terrors“. Die Kontinuität zum Nationalsozialismus verliert so ihr Tabu, da mit dem Verweis auf angeblich gleiche Situationen andernorts Vergleichbarkeiten hergestellten werden und sogar darauf verwiesen werden kann, dass man ja selbst die „Schrecken des Krieges“ besser als andere aufgearbeitet habe. So verwundert es nicht, dass gerade die Apologeten der Extremismus-Formel, Eckhard Jesse und Uwe Backes, mit ihrem Vorstoß einer Historisierung des Nationalsozialismus die Loslösung der Geschichte der Bundesrepublik von demselben anstreben und zumindest für ihr wissenschaftliches Klientel den oft geforderten Schlussstrich unter der deutschen Geschichte schon längst gezogen haben.

Gleichzeitig findet in Folge jenes Diskurses eine Verschiebung des politischen Fokus der bundesrepublikanischen Förderprogramme, weg vom „Kampf gegen Rechts“ hin zu einem allgemeinen „anti-extremistischen“ Eintreten gegen „Gewalt und Demokratiefeindlichkeit“ und damit eine generellen Gleichsetzung von linksradikaler Politik mit neonazistischen Umtrieben, statt. Beide so genannten Randgruppen werden als politische Gegenpole zur bestehenden freiheitlich-demokratischen Grundordnung angesehen. Es ist den selbsternannten „Anti-Extremist_innen“ egal, wodurch oder mit welchen Mitteln das schlechte Bestehende ersetzt bzw. überwunden werden soll. Die kapitalistische Ordnung wird so zur einzig denkbaren Freiheit erklärt und die Alltagswiderlichkeiten des falschen Ganzen zum Randgruppenphänomen. Dies würde bedeuten, dass die gegen die vorherrschenden Ungleichheitsideologien, die eben auch zentrale Inhalte der NS-Ideologie sind, gerichtete Kritik, die eine praktische Emanzipation zum Ziel hat, sinnfrei wäre, da der Gegenstand derselben nur von einem „politischen Spektrum“ getragen wird und nicht gesellschaftlich verwurzelt ist, wie uns die Extremismus-Theorie glauben machen will.

Eine Gleichsetzung durch „Anti-Extremist_innen“ delegitimiert praktische antifaschistische Arbeit und linke Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft gleichermaßen. Diejenigen, die bei Naziaufmärschen, Stadtteilarbeiten und Kulturprojekten sich gegen nationalsozialistische Bestrebungen einsetzen werden mit den willigen Vollstrecker_innen nazistischer Ideologie auf eine Stufe gestellt. Dass ein Zusammenwerfen politischer Strömungen nicht etwa bedeutet, dass eine intellektuelle Auseinandersetzung mit offen nationalsozialistischen Einstellungen eintritt beweist das Beispiel einer Bundesministerin Kristina Schröder, die in ihren Bundestagsreden gerne mal aus dem Nazi-Blatt Junge Freiheit zitiert. Hier muss uns als Repräsentant_innen einer besseren Gesellschaft in der falschen klar sein, dass jene „anti-extremistischen“ Spinnereien linksradikale Positionen noch stärker als es ohnehin der Fall ist marginalisieren. Rechte Vordenker_innen gelingt es hingegen ihre Verknüpfung mit der bürgerlichen Mitte zu nutzen, da einerseits auch für die Extremismus-Formel der Übergang von konservativer und offen neonazistischer Weltanschauung fließend ist und andererseits sich die Theoretiker_innen jener Formel selbst des öfteren durch antisemitische und geschichtsrelativierende Äußerungen hervortun.

Auf der Ebene der praktischen Politik in der deutschen Provinz muss die Extremismus-Formel jedoch auch immer zum Schönlügen von Naziproblemen und zur Kriminalisierung antifaschistischer Praxis herhalten. Während sich die Extremismus-Formel meistens gegen linke Aktivist_innen richtet, haben wir es in Kiel mit einem besonderen Spezifikum des „anti-extremistischen“ Ringelreigens zutun: Der Entpolitisierung und des Verschweigens. Statt das Problem einer gewaltbereiten Naziszene zu thematisieren und seine Leser_innen aufzuklären entpolitisiert das örtliche Lokalblättchen, die KN, das Thema vollends: Da werden Naziangriffe zu Auseinandersetzungen rivalisierender Jugendgangs, antisemitische Nazi-Flyer zu interessantem Material zum Nahostkonflikt und Schüsse auf die Alte Meierei werden mit der gleichen Aufmerksamkeit bearbeitet wie die letzte Messerstecherei in einer beliebigen Disko. Die Notwendigkeit einer antifaschistischen Arbeit wird weder erkannt, noch honoriert.

Dieses Klima der Ignoranz gegenüber neonazistischer Gewalt ist ebenso erschreckend wie gefährlich und zeigt nur zu deutlich, wie dringend es ist einen ernsthaften Bruch mit dem Extremismus-Begriff zu suchen und der bürgerlichen Gesellschaft ihr Märchen von der demokratischen Mitte zu nehmen. Denn nicht alles, was von ihr kommt ist harmlos und so werden wir auch weiterhin unsere Kritik an ihr haben.

Keine Märchen für Deutschland!
Den Unsinn der Extremismus-Theorie kollektiv verweigern!

13. März: YOU‘LL NEVER WALK ALONE!

Solidarität mit der Alten Meierei und allen Betroffenen faschistischer Gewalt!
Nazistrukturen in Kiel und andernorts zerschlagen – linke Gegenkultur stärken!

In der Nacht zum 20. Januar 2010 wurde das linke Kultur- und Wohnprojekt Alte Meierei in Kiel mit scharfer Munition beschossen.

Samstag, 13.3.2010
14.00 Uhr | Bahnhofsvorplatz | Kiel

antifa-kiel.org
altemeierei.de

Update Dresden

– Auf der „Dresden-Mythos“-Infoveranstaltung wird es Bustickets für eine Anreise aus Kiel nach Dresden bzw. eine Liste mit verbindlichen Anmeldungen geben.
– Ebenfalls können verbindliche Reservierungen an anreise2010@riseup.net geschickt werden.

Dresden… will be continued

Auch dieses Jahr wollen Nazis aus ganz Europa in Dresden ihren jährlichen Großaufmarsch durchführen. Dies gilt es zu verhindern.

Termine:

14.1. 19 h Alte Meierei, Hornheimer Weg 2, Kiel
Antifa-Café zu den bundesweiten Antifa-Mobilisierungen gegen den größten Naziaufmarsch Europas am 13.02.2010 in Dresden.

16.1. 22 h Alte Meierei, Hornheimer Weg 2, Kiel
Konzert und Party mit Egotronic und DJs
Gefeiert wird ua. für die Mobilisierung gegen den Naziaufmarsch am 13.02.2010 in Dresden.

28.1. 20 h Li(e)ber Anders, Iltisstraße 34, Kiel
Der Dresden Mythos – Geschichtsrevisionismus am Beispiel Dresdens.

Der seit 1998 in Dresden, anlässlich der Bombardierung der Stadt im Februar ’45, stattfindende Naziaufmarsch hat sich als ein bedeutendes jährliches Großevent in der bundesweiten Naziszene etabliert. Spektrenübergreifend treffen sich jedes Jahr mehrere tausend Alt- und Neonazis, um ihre geschichtsrevisionistische und die Shoa verharmlosende Propaganda in die Öffentlichkeit zu tragen. Warum diese gerade in Dresden über Jahre hinweg nahezu ungestört möglich war, liegt an der allgemeinen Gedenkpraxis in Dresden. Jahrelang fand hier eine fast ausnahmslose Stilisierung der Deutschen als Opfer statt. Die Ausblendung der Ursachen der Bombardierung sowie zahlreiche Mythen und Legenden boten Neonazis viele Anknüpfungsmöglichkeiten. In den letzten Jahren jedoch fand ein Wandel im Dresdner Gedenk-Diskurs statt, der sowohl eine artikulierte Abgrenzung von den Nazis als auch eine inhaltliche Verschiebung mit sich brachte. Doch trotz der offiziellen Entmythologisierung, Versachlichung und Kontextualisierung des 13. Februars bleibt das Dresden-Gedenken in seinem Kern geschichtsrevisionistisch und muss als solches kritisiert werden.
Die Referent_innen von Venceremos gehen der These nach, dass das Gedenken in seinen verschiedenen Formen geschichtsrevisionistisch ist.